Cultural Awareness: Zwischen Ehrlichkeit und Harmonie in der internationalen Zusammenarbeit

23. November 2025  

Gesicht wahren und Harmonie bewahren

Wenn Ehrlichkeit an ihre Grenzen stößt

„Ich sage lieber die Wahrheit, auch wenn sie weh tut.“ – ein Satz, den man in Deutschland oder auch in Ländern wie den Niederlanden oder Frankreich häufig hört. Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und das offene Eingestehen von Fehlern - auch im Business - gelten hier als Zeichen von Integrität und Professionalität. Es gibt eine "Fehlerkultur", um zu lernen und Fehler in etwas Positives zu verwandeln. Doch was passiert, wenn diese Werte auf Kulturen treffen, in denen Harmonie, Respekt und das Wahrung des Gesichts eine höhere Priorität haben als schonungslose Offenheit? Wo die pure Andeutung eines Fehlers, geschweige denn das offene Ansprechen, zum Verlust von Harmonie und damit der Grundlage einer guten Zusammenarbeit führt?

Genau an dieser Stelle entstehen oft Missverständnisse – und zwar nicht, weil jemand unaufrichtig oder konfliktscheu ist, sondern weil sich die kulturellen Wertvorstellungen unterscheiden und manchmal nur schwer miteinander vereinbar sind.

Das Konzept des „Gesichts“

In vielen asiatischen Kulturen – etwa in Japan, China oder Taiwan – ist es entscheidend, das eigene und das Gesicht anderer zu wahren. „Gesicht verlieren“ bedeutet nicht nur, einen Fehler zu machen, sondern Ansehen, Würde und soziale Harmonie zu gefährden. Kritik wird deshalb meist indirekt, vorsichtig und in einem harmonischen Rahmen geäußert und oft in Form von Empfehlungen formuliert. Offene Konfrontation oder das Bloßstellen eines Fehlers in der Gruppe gilt als respektlos. Auch das Widerspiegeln von Emotionen im Gesicht als Reaktion auf schwierige Situationen, egal ob Irritation, Verärgerung oder Überraschung, gilt als unangemessen. Siehe der Blogartikel: Mimik und Gestik - Unsichtbare Spieler in der internationalen Zusammenarbeit.

Eine Waage, auf der viele Menschen stehen

Werte im Spannungsfeld: Ehrlichkeit vs. Harmonie

In Deutschland, Skandinavien oder den Niederlanden ist es dagegen ein Zeichen von Professionalität, Dinge klar anzusprechen – selbst wenn es unangenehm ist. Das Eingestehen von Fehlern wird oft als Stärke gewertet. Wer hier zu vorsichtig formuliert, gilt schnell als uneindeutig oder gar unaufrichtig.

Was in der einen Kultur als ehrlich und effizient empfunden wird, kann in einer anderen als verletzend oder taktlos wahrgenommen werden – und umgekehrt.

Interkulturelle Kompetenz heißt Balance finden

In der internationalen Zusammenarbeit geht es nicht darum, die eigene kulturelle Prägung abzulegen, sondern sie bewusst zu reflektieren. Wer sich der Unterschiede in den Wertvorstellungen bewusst ist, kann Missverständnisse vermeiden und Brücken bauen.

Das bedeutet:

  • Kritik situationsgerecht und kultursensibel formulieren,
  • Wert auf den Beziehungsaspekt legen, bevor man Inhalte diskutiert,
  • und anerkennen, dass Offenheit und Harmonie keine Gegensätze, sondern unterschiedliche Ausdrucksformen von Respekt sein können.

Denn echte interkulturelle Kompetenz zeigt sich nicht darin, wie direkt man kommuniziert – sondern darin, wie respektvoll man verstanden wird. Auch wenn es gegen die eigene Überzeugung steht: Harmonie macht globale Zusammenarbeit oft erfolgreicher.

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