Yorka Sontowski
Der Fachkräftemangel ist in aller Munde
Nicht selten können Unternehmen ihre offenen Stellen nicht mehr über den lokalen oder nationalen Arbeitsmarkt besetzen und ziehen Bewerber aus dem Ausland in Betracht. Doch auch wenn die Qualifikation und das Profil der potentiellen Kandidaten zu den Anforderungen passen und der Einstellungsprozess erfolgreich durchlaufe wurde heißt das noch lange nicht, dass die Einstellung ein Erfolg wird. Oft wird vergessen, dass es nicht nur um fachliche Aspekte geht, sondern das völlig verschiede Erwartungshaltungen an Kollegen und Vorgesetzte und unterschiedliche Vorstellungen und Ansichten zur Arbeitskultur aufeinanderprallen. "Ach das weiß der doch oder das kann die doch alleine" sind Sätze, die ich in der Praxis oft höre, wenn ich das Thema anspreche.
Doch genau das ist oft ein Irrtum und die Zusammenarbeit läuft alles andere als gut. Der neue Kollege bereitet sich nicht wie erwartet auf ein Meeting vor, die neue Kollegin weigert sich, bestimmte Aufgaben zu übernehmen, weil sie "unterer ihrer Würde" sind und sowieso, alle beide sind "unselbständig" oder "fordernd" oder "wissen alles besser". Die Vorgesetzten und Kollegen sind dann oft ratlos und auch pikiert. Sie haben doch klar gesagt was sie wollen und was zu tun ist. Und "man weiß doch wie man sich verhält". Was also läuft hier falsch?
Ganz einfach: beide Parteien haben möglicherweise eine völlig unterschiedliche Vorstellung von der Arbeitswelt und wie man zusammenarbeitet.
So ist es in manchen Kulturen nicht üblich und erwünscht Eigeninitiative zu zeigen, sondern es wird erwartet, dass der Chef genau sagt, was zu tun ist. Auch die Meetingvorbereitung und -durchführung wird anders gehandhabt. Oder es gibt Hilfskräfte für sogenannte niedere Arbeiten wie zum Beispiel mal ein Paket wegbringen. Wenn man sich dessen nicht bewusst ist, sind Missverständnisse vorprogrammiert. Das gilt insbesondere auch für Kulturen, die sich vermeintlich ähnlich sind. So denken wir oft über unsere europäischen Nachbarn, dass kulturelle Unterschiede hier keine große Rolle spielen. Aber auch in Großbritannien oder Frankreich gibt es große Unterschiede zur deutschen Arbeitskultur. So ist die in Deutschland übliche Direktheit für Briten oft grob unhöflich und die manchmal subtilere Art der Briten, sich auszudrücken, wird in Deutschland nicht verstanden.
Wie kann also eine gute Integration ausländischer Fachkräfte gelingen?
Nehmen Sie nichts als "klar" an:
Zunächst einmal: gehen Sie grundsätzlich davon aus, dass nichts "einfach klar" ist. Erläutern Sie genau, welche Erwartungshaltungen Sie haben und wie und von wem die Dinge in Ihrem Betrieb gemacht werden sollen. Wenn Sie den Eindruck haben, dass etwas nicht so läuft, wie Sie sich das vorgestellt haben, sprechen Sie es behutsam an und fragen Sie nach, warum etwas gemacht wird wie es gemacht wird oder warum jemand etwas unterlässt, obwohl besprochen wurde, dass es zu machen ist. Erklären Sie wie Sie sich die Zusammenarbeit vorstellen und fragen Sie auch ihr Gegenüber nach seinen Erwartungshaltungen.
Bestimmen Sie einen Paten:
Außerdem kann es sehr helfen, einen Paten zu bestimmen, der den neuen Mitarbeiter oder die neue Kollegin für das erste halbe Jahr an die Hand nimmt und informell und auf Vertrauensbasis unterstützt
Bieten Sie die Chance für ein interkulturelles Training
Das kann sowohl für die neuen ausländischen Kollegen als auch für sie selbst und das bisherige Team sehr aufschlussreich und hilfreich sein
Organisieren Sie Hilfe bei Behördengängen und Wohnungs- und Schulsuche
Stellen Sie sich vor, Sie müssten sich in Indien eine Wohnung suchen. Wüssten Sie, was in einem indischen Mietvertrag üblich ist? Oder wie man an eine deutsche Schufa Auskunft kommt, wenn man hier nicht gelebt und keine Historie hat? Eben 😉 Damit sich ihre neuen Kollegen sobald und so gut wie möglich auf die Arbeit konzentrieren können, kann es sehr hilfreich sein, das oben genannte Patensystem zu nutzen oder aber eine professionelle Relocation Agentur zu beauftragen, die bei Behördengängen, der Wohnungssuche oder der Schul- und Kindergartenanmeldung helfen können.
Mit diesen oft nicht mal teuren oder komplizierten Strategien können Sie sich und Ihren neuen Kollegen den Start in Ihrem Unternehmen und die Zusammenarbeit erheblich erleichtern und dazu beitragen, dass solche Missverständnisse erst gar nicht entstehen oder möglichst schnell aus dem Weg geräumt werden. Win-Win für beide Seiten also. Und dies ist allemal billiger und vor allem auch besser für Ihren Ruf als Arbeitgeber als eine Einstellung aus dem Ausland, die aufgrund kultureller Unterschiede platzt.

Yorka Sontowski ist seit mehr als 17 Jahren im internationalen Personalumfeld tätig. Aktuell arbeitet sie bei der All for One Group in Filderstadt als Global Mobility Managerin und berät Mitarbeiter und Führungskräfte zu allen Arten von grenzüberschreitender Arbeit. Ihr besonderes Interesse gilt dabei neuen Formen der cross-border Work wie zum Beispiel Workation oder Permanent Remote Work. Sie freut sich immer über Austausch mit Personen, die sich für Global Mobility interessieren, gerne via LinkedIn.
